Lehrjahre auf dem Weg zum Dissidenten: Stefan Heyms Freundschaft mit Robert Havemann und Wolf Biermann

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Abstract

Stefan Heym (1913-2001), dessen Leben alle fünf politischen Systeme im Deutschland des 20. Jahrhunderts – das Kaiserreich, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, die deutschen Teilstaaten im Kalten Krieg und die deutsche sowie europäische Einheit nach 1990 – umspannt, wurde auf beiden Seiten der deutsch-deutschen Teilung zu einem der vielseitigsten und meistgelesenen deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit. Wie kein Zweiter im geteilten Deutschland vereinte Heym in sich literarische Bedeutung mit realpolitischem Engagement und wurde so zur herausragenden moralischen und politischen Symbolfigur der DDR-Opposition. Gerade in der DDR, deren Politik nach 1953 zunehmend diktatorische Züge annahm, bezog Heym seine anhaltende literarische und politische Legitimation aus seiner beispielhaften Verkörperung des „guten Deutschland“, dessen demokratische Traditionen Thomas Mann in seiner berühmten Rede im Mai 1945 in der US-amerikanischen Library of Congress beschworen hatte.

Anhand von Stefan Heyms Freundschaft mit Robert Havemann und Wolf Biermann untersucht der vorliegende Beitrag die entscheidenden Bruchstellen in Heyms oppositionellem Engagement, anhand derer sich sein Werdegang zum wichtigsten Oppositionellen der DDR ab Wolf Biermanns Ausbürgerung aus der DDR 1976 vollzog. Bereits auf dem 11. Plenum des ZK der SED 1965 waren Havemann, Heym und Biermann zu den wichtigsten Staatsfeinden der DDR im Inneren erklärt worden. Dennoch zeichnen nach neueren Erkenntnissen während der 1960er Jahre unterschiedliche Gradierungen ab sowohl im Verhalten der drei Protagonisten gegenüber der DDR als auch in den Reaktionen des Staates auf sie, in deren Folge sich Heym von den beiden Freunden distanzierte. Anhand lebensgeschichtlicher Dokumente, so vor allem autobiographischen Schriften der drei einstmaligen Freunde sowie den Staatssicherheitsakten Heyms untersucht der Beitrag die jeweiligen Motivationen für diese Dreierfreundschaft und sowie für Heyms Distanzierung von Havemann und Biermann ab 1966. Insbesondere werden hier Bezugnahmen der drei Protagonisten auf nationalsozialistische Verfolgung und Shoah zum ersten Mal in Hinblick auf mögliche Parallelitäten und Überschneidungen beleuchtet werden. Der Artikel will damit einen Beitrag zum Studium der bislang wenig untersuchten jüdischen Manifestationen im Privatbereich jenseits von Gemeinde- und Regierungspolitik leisten und damit wichtige Aspekte säkularer jüdischer Identität in der DDR herausstellen.

Bibliographical metadata

Original languageGerman
Pages (from-to)tbc.
JournalJahrbuch des Dubnow-Instituts / Dubnow Institute Yearbook
Volume17
Issue number2018
Publication statusAccepted/In press - 5 Sep 2019