Zeit: "Marseille war für zwölf Stunden verloren"

Press/Media: Expert comment

Release date: 12/6/2016

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http://www.zeit.de/sport/2016-06/fussball-em-england-hooligans-polizei

Wie konnte die Gewalt in Marseille so eskalieren? Genug Polizei war da, sie tat nur häufig das Falsche, sagt Geoff Person, der als Fanforscher mittendrin war.
Hooligans: Französische Polizisten im Einsatz vor dem EM-Spiel Russland gegen England

Französische Polizisten im Einsatz vor dem EM-Spiel Russland gegen England. ©Getty IMages / Carl Court

Inhalt

  1. Seite 1 — "Marseille war für zwölf Stunden verloren"
  2. Seite 2 — "Schlimmer als alles zuvor"
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ZEIT ONLINE: Geoff Pearson, Sie waren seit Donnerstag als Fanforscher mit den englischen Fans in Marseille unterwegs. Wie geht es Ihnen heute?

Geoff Pearson: Danke der Nachfrage, ich bin noch in einem Stück und freue mich jetzt darauf, in Ruhe bei einem Bier Fußball zu gucken.

 
 

ZEIT ONLINE: Am Samstag sah man hässliche Bilder aus dem Hafenviertel von Marseille: Blutüberströmte Fans, schlägernde Hooligans und überall waberte das Tränengas der Polizei. Was haben Sie erlebt?

Pearson: Ich bin, wie viele andere Engländer auch, seit Donnerstag hier. Als Forscher, der sich damit beschäftigt, wie Ausschreitungen und Gewalt verhindert werden können, wenn Fußballfans in Massen zusammenkommen, bin ich so etwas wie ein teilnehmender Beobachter. Eskaliert ist es aus meiner Sicht schon in der ersten Nacht: Eine Gruppe aus 30 oder mehr Ultras aus Marseille provozierten englische Fans. Sie warfen Flaschen auf die Bar, in der wir uns aufhielten, die Engländer warfen zurück.

ZEIT ONLINE: Und die Polizei?

Geoff Pearson: Die fing sofort an, Tränengas in die Gruppe der Engländer zu feuern. Aus meiner Forscherperspektive gesehen ist das einer der Klassiker, wie man eine Menge sehr schnell zum Eskalieren bringt. Dabei hätte die Polizei die Situation beruhigen sollen. Sie tat aber das Gegenteil.

 

ZEIT ONLINE: Das war die erste Nacht. Auch am Freitag blieb es unruhig.

Geoff Pearson: Etwa gegen sechs Uhr am Abend stellte sich die Polizei vor der Bar auf, in der viele Engländer sangen und Bier tranken. Das was Engländer eben tun, wenn sie unterwegs zu einem Fußballspiel sind. Warum die Polizei dann angefangen hat, mit gezückten Schildern auf die Bar zu marschieren und wieder Tränengas in die Masse zu werfen, weiß ich nicht. Sie vertrieben die Engländer jedenfalls aus der Bar auf die Straße. Ich möchte nicht für jeden meine Hand ins Feuer legen, aber die allermeisten dort hatten mit Ausschreitungen oder Kämpfen nichts zu tun. Trotzdem atmeten sie ständig Tränengas ein. Das erzeugt miese Stimmung.

ZEIT ONLINE: Die sich dann offenbar am Samstagmittag entlud. In Marseille sah es zeitweise so aus, als würde es eine Menschenjagd geben.

Geoff Pearson: Und so in etwa muss man es sich auch vorstellen. 150 russische Hooligans, ausnahmslos in schwarz gekleidet, jagten jeden, der ein englisches Trikot trug. Sie waren schnell und rannten durch die Gassen. Zu schnell für die Polizei jedenfalls. Die konnte die Russen nicht einfangen. Die Polizisten standen da und als es ihnen zu viel wurde war, schossen sie mit Tränengas. Auf die Engländer.

ZEIT ONLINE: War genug Polizei vor Ort?

Geoff Pearson: Oh ja, es waren Hunderte Polizisten da. Sie hatten aber keine Antwort auf die teilweise brutale Gewalt. Ihr einziges Mittel war das Tränengas. Mit etwas Abstand kann man sagen: Die Polizei hat die Kontrolle über Marseille zwischen drei Uhr am Nachmittag und bis in die Nacht für zwölf Stunden verloren. Es ging ja im Stadion und danach noch weiter. Familien im England-Block fühlten sich terrorisiert. Obwohl es seit Monaten bekannt war, dass dieses Spiel in Marseille hochbrisant werden wird. 1998 kam es hier zu Ausschreitungen zwischen Tunesiern und Engländern. Die meisten englischen Fans wollten am Samstag aber nach dem Spiel so schnell es ging zurück in ihr Hotel. Normalerweise feiern wir, egal wie das Spiel ausgegangen ist.

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TitleZeit: "Marseille war für zwölf Stunden verloren"
Date12/06/16
PersonsGeoff Pearson